lecken [leak/lick]
2022
performative installation, raw clay, silicone, water

This work was shown at the Ausstellungshalle at the academy of fine arts Nuernberg
and featured in the LfA Kunstkalender 2023

Das Material Silikon wurde erst im 20. Jahrhundert entwickelt. In Theresa Hartmanns Arbeit trifft es auf Ton, eines der ältesten Materialien der Kulturgeschichte. Auch hinsichtlich ihrer Eigenschaften sind beide Stoffe sehr gegensätzlich. Ton nimmt Wasser auf, Silikon ist wasserabweisend, und Wasser wiederum spielt eine wichtige Rolle bei der Arbeit „lecken“.
Der kleingeschriebene Titel weist auf eine Beziehung zum feuchten Element. Das Verb ist mehrdeutig, es meint den Vorgang, bei dem eine Zunge etwas berührt – und vielleicht denkt man metaphorisch an Wasserzungen, die am Ufer lecken. Oder man meint das Eindringen oder Austreten von Flüssigkeit in oder aus einem Körper, der ein Leck aufweist. Beide Male werden Grenzen berührt und Zustände von trocken und feucht, fest und flüssig kontrastiert.

In „lecken“ schafft die Künstlerin Gefäße aus Ton, der nicht gebrannt, sondern von einer Silikonstruktur umfangen wird. In die Tongefäße wird regelmäßig Wasser gefüllt, wodurch der Ton immer weicher wird und seine Form verliert. Die elastische, durchlässige Silikonhülle verhindert diesen Prozess der Auflösung nicht, sie begleitet ihn. Schließlich kann der feuchte Ton genommen und daraus ein neues Gefäß gemacht werden, während das Silikon als beutelartige Form verbleibt. Die Inszenierung von „lecken“ findet in einem Ausstellungsraum statt, in dem die einzelnen Gefäße wie kleine Inseln auf dem grauen Boden stehen, von dem sie sich nur in Nuancen farblich abheben. Die Ton-Silikon-Gefäße führen durch die wasserbedingte Formveränderung gewissermaßen eine autonome Performance auf. Sie ändern dabei ihre metaphorisch zugeschriebenen Rollen. Das Gefäß löst sich auf und kann nichts mehr aufbewahren. Die Hülle, die es scheinbar schützt und stützt, ist jedoch symbiotisch abhängig vom Ton, sie verliert ihre Form. In diesem performativen Prozess befindet sich auch der binäre Code von fest und flüssig, hart und weich in einer Transformation. Damit ist die Arbeit insgesamt eine Metapher für die Wandelbarkeit von Existenz und die Fragwürdigkeit von vermeintlich sicheren Zuschreibungen.

Text: Jochen Meister